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Sempervivum auf Abwegen

 

 

 

 

 

 

Sempervivum auf Abwegen

 

 

Fast jeder Gartentag bringt Überraschungen. Das ist eine Erfahrung, die wahrscheinlich nur derjenige nicht bestätigen kann, der nicht genug Zeit hat, sich intensiv mit seinen Pflanzen zu beschäftigen.

 

Ich habe mich jedenfalls sehr gewundert, als sich eine Kreuzung aus Sempervivum wulfenii 'Riegersburg' und Sempervivum atropatanum in einer ganz besonderen Weise entwickelte, der ich noch immer ratlos gegenüberstehe.

Die Mutterpflanze, Sempervivum wulfenii, wurde in Riegersburg in der Steiermark gesammelt, Sempervivum atropatanum ist im Norden Irans in Höhen von etwa 1950 Metern verbreitet.

 

Was ist da passiert? Ist es das Ergebnis eines mißlungenen Kreuzungsversuches, eine Form von Cristatbildung oder gibt es andere, bessere Erklärungen?

Interessant war auch die Beobachtung, daß, obwohl der Blütenstiel schon vertrocknet war, die Blütenumbildungen grün geblieben sind, und selbst nachdem ich sie versuchsweise in Substrat gesteckt hatte, über Monate zwar die Farbe hielten, allerdings keine Wurzeln bildeten.

 

Nachfragen bei Botanikern/Universitäten führten bis zum heutigen Tag zu keinem befriedigenden Ergebnis. Lediglich eine Literaturstelle aus dem HEGI (Band IV, 2. Teil, Teilband A, Seite 109) bestätigte die Befürchtung, daß wenigstens zum Zeitpunkt der Herausgabe der mir vorliegenden Arbeit (Zweite Auflage, 1966), ein ähnlicher Verlauf zwar beobachtet wurde, aber eine Klärung des Sachverhaltes nicht möglich war.

Was weiß HEGI?

Nachdem auf die Veränderungen durch den Rostpilz Endophyllum sempervivi hingewiesen wird, folgt: Auch nicht parasitäre Mißbildungen sind bei Sempervivum-Arten ziemlich häufig, so die Verbänderung des Stängels und der Blütenstandäste, das Auftreten von Laubsprossen im Blütenstand, die Vergrünung der Blüten, eine Umwandlung der Staubblätter in Fruchtblätter oder der Fruchtblätter in Staubblätter.

 

Den Befund, daß dieser Verlauf häufig ist, kann ich nach nunmehr 30jähriger intensiver Pflege einer recht umfangreichen Sempervivum-Sammlung nicht bestätigen.

 

Ich stelle gerne den durchaus interessanten Prozeß der Blütenbildung zur Diskussion und hoffe darauf, daß mich fachkundige Besucher meiner Seite dabei unterstützt, vielleicht doch eine noch schlüssigere Erklärung des Phänomens zu finden.

Wer hat so etwas schon gesehen und wer wagt eine Erklärung?

Dabei bin ich mir ganz im Klaren darüber, daß Golo Mann mit folgender Feststellung den Nagel auf den Kopf getroffen hat: "Keine Tendenz wird je rein triumphieren, kein Gedanke sich je zu Ende denken lassen: kein Mensch wird je völlig recht haben".

 

In jedem Fall läßt die große Plastizität in der Entwicklung der Blüte auf eine Pflanzengattung schließen, die auf ihrem Weg zur Artenbildung noch nicht fixiert ist. Das zeigt sich natürlich auch an der leichten Kreuzbarkeit und auch an Form- und Farbschwankungen. Diese Erkenntnis ist aber selbstverständlich keineswegs neu.

 

 

Die Mutterpflanze Sempervivum wulfenii mit den typischen rot überlaufenen Blättern der Pflanzen aus Riegersburg

Beginn der Blütenbildung

Bereits erkennbar: Die Blüte wird zur Kuriosität

Dort, wo sich sonst Staub- und Fruchtblätter entwickeln, bilden sich Köpfchen mit lanzettlichen, drüsig behaarten Blättern

Blattköpfchen in der Nahaufnahme

Vertrocknender Stiel mit immer noch frischen Blattköpfchen